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Ist die Belastungsgrenze im Fußball erreicht?

Beim täglichen Durchlesen der Sportnachrichten findet man immer mindestens eine Meldung von einem verletzten Spieler. In der Folge wird in regelmäßigen Abständen eine Diskussion um die Belastung im Profi-Fußball entfacht. Hauptgegenstand der Kritik ist zumeist der enge Spiele-Terminkalender. Inzwischen sind sich viele Sportwissenschaftler darüber einig geworden, dass eine Schmerzgrenze zumindest erreicht wurde. Lösungsansätze gibt es schon dem physischen und psychischen Druck entgegenzuwirken. Im Sinne der Fans sollten die besten Spieler der Welt möglichst verletzungsfrei bleiben.

In dieser Saison hat die Gladbacher und Dortmunder schon erwischt: das Verletzungspech. Insgesamt können Mannschaften mit Beteiligung an der Champions- oder Europa League kaum konstante Leistungen in der Bundesliga liefern. Einzig der FC Bayern schafft es mit einem breiten Kader jeden Stammspieler im Ansatz zu ersetzen. Dies ist auch unbedingt notwendig, um im internationalen Vergleich mithalten zu können. Heute besteht jeder Kader in der Bundesliga im Schnitt aus über 30 Profispielern – in den Neunzigern noch aus 25. Die Kader wurden auch insgesamt jünger. Die steigende Anzahl kann mit dem frühzeitigen Heranführen von Talenten erklärt werden. Heutzutage bekommt man schon als A-Juniorenspieler die Chance bei den Profis zumindest mitzutrainieren.

Die Intensität steigt

Der Terminkalender der Vereine ist voll! Beim Europapokal der Landesmeister hatten in der Vergangenheit lediglich 16 Mannschaften teilgenommen. Der Nachfolger, die Champions League, besteht aus einer langwierigen Qualifikation, Play-Offs und einer Gruppenphase mit 32 Mannschaften. Die Europa League bietet sogar insgesamt zwölf Gruppen mit vier Mannschaften. Der Worst Case wäre, dass man an insgesamt 23 Partien in europäischen Wettbewerben teilnehmen muss. Im Durchschnitt spielt jede Mannschaft im europäischen Wettbewerb 13 Partien. In den Achtzigern waren es noch durchschnittlich neun Partien.

Druck, Druck, Druck

Die FIFA sieht keine erreichte Belastungsgrenze. Viel mehr wird die Anzahl der Spiele pro Jahr weiter erhöht. Die Nations League soll die stattfindenden Freundschaftsspiele ersetzen und für einen intensiven Wettbewerb sorgen. Gerüchten zufolge sollen die 55 Mitgliedsverbände nach dem UEFA-Koeffizienten in vier Divisionen aufgeteilt werden. Jede Division besteht aus vier Gruppen mit je drei oder vier Nationalmannschaften. Das ergibt maximal sechs Partien für eine Nation. In der höchsten Division spielt man um den Titel, während in den anderen Divisionen um den Auf- und Abstieg gespielt wird. Damit der Erfolg auch entlohnt wird, kann sich der Sieger der jeweiligen Division für die folgende Europameisterschaft qualifizieren. Der Druck steigt weiter an.

Sommerpause? Du spielst!

Stattfindende Turniere im Sommer geben Nationalspielern in der Regel keine Pause. Der Urlaub wird zwangsläufig nach hinten geschoben, um mit der eigenen Nation den Titel zu holen. Bei Europameisterschaften hat sich die Anzahl der Mannschaften bzw. Partien nach einer Reform der UEFA schon erhöht. Die FIFA möchte bei der Weltmeisterschaft nachziehen. Inwiefern das die Attraktivität des Sports fördert, konnte man schon bei der EM in Frankreich sehen. Es ist verständlich, dass manch einer Spieler an seine Grenzen kommt. Kurz vor dem Turnier werden die Finalspiele auf europäischer Vereinsebene ausgetragen. Das verlangt eine hohe Konzentration, vor allem wenn die Meisterschaft noch gar nicht entschieden ist.

Der Körper nimmt Schaden

Die Beschwerden gehen regelmäßig durch die Medien: die Belastung ist zu hoch! In den letzten Jahren haben einige Trainer den engen Terminkalender kritisiert. Guardiola, Favre, Keller, Lienen oder Klopp haben sich schon dazu gemeldet. Sieben Spiele in drei Wochen sprechen eine eigene Sprache. Alle drei Tage wird eine Begegnung ausgetragen, obwohl Sportwissenschaftler davon sprechen, dass nach einem intensiven Wettkampf mindestens zwei bis drei Tage Regeneration erforderlich sind. Dies wird trotz Warnungen nicht eingehalten. Das Risiko von Verletzungen steigt.

Prof. Dr. Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln hat ermittelt, dass 25% aller Verletzungen eine gleichartige Verletzungsart vorausgegangen ist. Er sieht die Ursache in der fehlenden Rehabilitation der Spieler. Interessant ist außerdem, dass sich 90% aller langfristigen Verletzungen in der Endphase einer Saison ereignen. In dieser Zeit steigt die Intensität deutlich an – Abstiegskampf, Meisterschaft, Finalspiele stehen an.

Hohes Tempo, hohe Konzentration

Die körperlichen Anforderungen sind angestiegen. Fußballspieler müssen heute Athleten sein, die in einem Spiel 10 bis 12 Kilometer laufen. Das Tempo auf dem Platz ist enorm hoch und die kurzen intensiven Läufe und die etlichen Richtungswechsel im Spiel, verlangen eine große mentale Stärke. Heute muss mit Disziplin verteidigt und der Ball zurückerobert werden. Das gespielte Gegenpressing verlangt viel von den Spielern ab. Immerhin sollte man im Optimalfall in unter 10 Sekunden den Ball zurückgewinnen. Das fordert nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Es kann sich keiner mehr leisten auf dem Platz eine Auszeit zu nehmen.

Gier schlägt mögliche Lösungen

Die mentale Herausforderung kann nur beseitigt werden, wenn die Anzahl der Spiele im Jahr zumindest nicht mehr ansteigt. Die Gier nach mehr Einnahmen durch die FIFA und UEFA scheint dies nicht in Betracht zu ziehen. Den englischen Wochen wirkt man schon mit Rotationen entgegen, dennoch muss es im Sommer ausreichend Urlaub geben. Wenn man Sportwissenschaftler fragt, dann sollte die Athletik der Spieler gestärkt werden. Regelmäßige Leistungstests in Sprint- und Sprungkraft, Kraft und Ausdauer sollen auf dem Trainingsplan stehen. Ziel ist es mit jedem Spieler individuell die notwendige Athletik aufzubauen. Dafür reichen zehn Stunden Training in der Woche jedoch nicht aus, womit man wieder beim Problem mit dem engen Terminkalender wäre.

Aus der Sicht eines Fans

Als Zuschauer im Stadion oder vor dem Fernseher möchte man natürlich die besten Spieler der Welt sehen. Es ist jedoch nicht förderlich wenn man die Belastung immer weiter steigert. Das Verletzungsrisiko steigt und Stars neigen dazu in den entscheidenden Phasen einer Saison zu fehlen. Wer möchte schon erleben, dass Messi, Neuer und Ronaldo für eine Weltmeisterschaft ausfallen? Man kann eigentlich nur hoffen, dass die Komponente Mensch nicht vergessen wird. FIFA und UEFA werden sich keinen Gefallen damit tun, wenn sie den Kalender weiterhin mit Spieltagen vollstopfen.

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