Bei der diesjährigen Mitgliederversammlung wird die Aufmerksamkeit stärker als sonst auf den Aufsichtsrat und das Präsidium gerichtet sein. Schließlich waren sie es, die den von Roland Virkus eingeschlagenen „Borussia-Weg“ unterstützten und ihn nach dem zwischenzeitlichen Erfolg mit einem Rentenvertrag belohnten. Monate später trat er zurück und Borussia taumelte kopflos durch die Bundesliga. Aktuell kämpft der Verein immer noch um den Klassenerhalt.
Die Kontrollgremien hätten eingreifen können – wenn nicht sogar müssen. Jahr für Jahr wurden die sportlichen Ziele verfehlt, und auch in der laufenden Saison wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder dazu kommen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wer im Verein die notwendigen Kompetenzen verfügt, um die aufgebauten Strukturen angemessen beurteilen zu können? Auch frühere Äußerungen zum „Trainer-Top-Talent“ Eugen Polanski lassen an der Urteilskompetenz derjenigen zweifeln, die ihm ein hohes Potenzial attestiert haben. Es wird jedenfalls nicht mehr möglich sein, Kritik als „dummes Geschwätz“ abzutun, da selbst inzwischen der Vereinspräsident erkannt hat, dass Ideen von außen eine große Hilfe sein können.
Überforderung
Dieses Umdenken ist nicht nur vor dem Hintergrund der Vertragsverlängerung mit Virkus erstaunlich. Nach seinem Rücktritt war zu hören, dass er sich in seiner neuen Rolle überfordert gefühlt habe. Die finanziell herausfordernde Lage hat möglicherweise Einfluss auf die Transferentscheidungen gehabt. Dennoch zeigt sein Nachfolger, dass mehr möglich gewesen wäre. Hinzu kommt, dass Borussia nicht ohne Grund in eine Schieflage geraten ist. Fehleinkäufe und hochbezahlte Verträge bei einem geringen oder keinen sportlichen Mehrwert machen sich früher oder später in der Bilanz bemerkbar. Stefan Stegemann wird den Mitgliedern wohl kaum deutlich bessere Zahlen als im vergangenen Jahr präsentieren, als unterm Strich ein kleiner siebenstelliger Fehlbetrag verzeichnet wurde. Daher dürfte es niemanden überraschen, dass der Verein über alternative Einnahmemöglichkeiten nachdenkt.
Unverantwortliches Verhalten
Der neu formierte sportliche Bereich muss sich hingegen noch bewähren. Die Führungsebene unter Rouven Schröder (Head of Sports) besteht seit März aus Christoph Menke-Salz (Direktor Lizenz und Administration), Mirko Sandmöller (Direktor NLZ und Frauen) sowie André Hechelmann (Direktor Scouting und Recruitment). Damit wurden klare Hierarchien geschaffen, die es vorher nicht gab. Das wurde vor einem Jahr auf offener Bühne zugegeben. Die Rolle von Nils Schmadtke war nicht klar definiert worden, weshalb sich die Wege nach einer Saison wieder trennten. Grundsätzlich muss vieles besser ineinandergreifen, damit der Erfolg zurückkehrt. Aus der Abwärtsspirale ist der Verein, wie verkündet, seit der letzten Mitgliederversammlung nicht herausgekommen. Dass jetzt wieder das Thema Leadership aufkommt, ist ebenfalls kein gutes Zeichen. Zumindest wird es dieses Mal keine Fragen zu den geringen Einsatzzeiten von Florian Neuhaus geben. Da hat der Verein ausnahmsweise mal nicht falsch gelegen.
Einen überforderten Geschäftsführer mit einem Rentenvertrag auszustatten, weil er sich unter anderem für den Verein verdient gemacht hat, sollte zukünftig nicht mehr möglich sein. Insbesondere wenn die selbst formulierten Ziele wiederholt verfehlt wurden. Die Auswirkungen dieser sogenannten „Leistungskultur“ sind in dieser Saison deutlich spürbar und sollten der letzte Weckruf gewesen sein, den der Verein dringend gebraucht hat. Aufsichtsrat und Präsidium werden sich vor den Mitgliedern erklären müssen, wie es dazu kommen konnte, dass sich der Verein entgegen aller Versprechungen zu einem Abstiegskandidaten entwickelt hat. Es gibt nichts mehr schönzureden: Der Verein ist mit seinem Auftrag nach dem Rücktritt von Max Eberl gescheitert, weil sein Nachfolger überfordert war. Alle Beteiligten haben sich unverantwortlich verhalten, die ihm noch den Rücken stärkten. Dieses Verhalten wirkt von außen betrachtet unerklärlich und wirft viele Fragen auf, die vor Ort beantwortet werden sollten.