„Echte Liebe“ ist das nicht

Lucien Favre ist nicht mehr länger Trainer in Dortmund. Nach der 1:5-Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart wurde die Reißleine gezogen. In Mönchengladbach wird das der ein oder andere interessiert mitverfolgt haben. Auch weil nach dessen Entlassung der aktuelle Trainer Marco Rose als Nachfolger gehandelt wird.

Igor de Camargo war es, der in der Relegation für den wahrscheinlich emotionalsten Moment der vergangenen zehn Jahre gesorgt hat. Der Schweizer an der Seitenlinie war es, der das alles und was danach folgte erst möglich gemacht hat. Deswegen wird er bis heute in Gladbach respektiert, verehrt, geliebt. Inzwischen konnte sich die Borussia erstmals für das Achtelfinale der Champions League qualifizieren. Das wäre ohne die jahrelange Vorarbeit unter Favre wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Falsche Erwartungen an Favre

Daher schmerzt es doch schon wie in Dortmund mit Favre umgegangen wurde. Die Verantwortlichen mussten eigentlich gewusst haben worauf sie sich einlassen, und daher will der Slogan „Echte Liebe“ nun wahrlich nicht einleuchten. Aus der Ferne entstand über die vergangenen Monate der Eindruck, dass ein gänzlich anderer Mensch, ein anderer Fußball erwartet wurde. Favre war immer als zurückhaltender, detailversessener Analyst bekannt, der nichts dem Zufall überlassen möchte.

Mit Edin Terzic, dem ehemaligen Co-Trainer, soll nun attraktiver und emotionaler Fußball gespielt werden, also ein gänzlich anderer Ansatz. Das Vertrauen in die Arbeit des Cheftrainers schien nie wirklich groß gewesen sein, wenn Terzic genau für so einen Fall bereitstehen sollte. „Wir haben Edin schon 2018 im Hinblick geholt, dass so ein Fall wie jetzt mal eintreffen kann.“, sagte Joachim Watzke der Bild. Das ist derselbe Mann, der noch im Sommer wieder einmal von Jürgen Klopp geschwärmt hat. Das ist nicht authentisch, und schon gar nicht „Echte Liebe“. Eine Abnabelung vom Meistertrainer hat offenbar nie in der ganzen Zeit stattgefunden.

Dortmund sucht den neuen Klopp

Dabei würde ein Blick nach Mönchengladbach genügen. Die Borussia konnte sich spätestens im letzten Jahr unter Dieter Hecking, ob nun gewollt oder nicht, vom „favreschen“ 4-4-2 mit zwei spielenden Stürmern distanzieren. Marco Rose war schließlich derjenige, der einen ganz neuen Ansatz in den Verein gebracht hat. In Dortmund wird nach wie vor versucht eine Fortsetzung dessen zu schaffen, das in 2015 mit dem Klopp-Abgang verloren gegangen war. Nach etlichen Trainerentlassungen und einer Interimslösung soll es nun ein Co-Trainer richten, ähnlich wie Hansi Flick beim FC Bayern. Eine riskante Entscheidung, die offenbar durch eine Verpflichtung eines neuen Trainers im kommenden Sommer abgesichert werden soll.

Medienberichten zufolge ist Marco Rose der Favorit. Bereits vor einigen Wochen keimten erste Gerüchte auf, die Max Eberl deutlich kommentierte: „Wenn dauernd so über uns gesprochen und alles weggeschrieben wird, dann ist das schon ein Stück weit respektlos.“ Auch Rose entgegnete damals, dass er gerade andere Dinge im Kopf hat: „Moment für mich einfach kein Thema, weil ich so viel zu tun habe im Verein, mit meinen Jungs, mit den vielen Spielen, dass ich grundsätzlich solche Dinge nicht kommentiere.“

Enormer Druck für Rose

Die Berichte erscheinen plausibel, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Rose könnte der geeignete Kandidat sein, um die jahrelang andauernde „Kloppomanie“ in Dortmund zu überwinden. Er bringt ein Gesamtpaket mit, das stark an Jürgen Klopp erinnern lässt. In Interviews punktet er mit seiner Eloquenz, gleichzeitig kann er an der Seitenlinie mitreißend sein, mit seinen Spielern umgehen und einen attraktiven und emotionalen Spielstil vermitteln. Das würde aber auch bedeuten, dass der 44-jährige von  Beginn an höchsten Erwartungen gerecht werden müsste, trotz seiner noch vorhandenen Schwächen. Es müsste so gesehen eine „Rosemanie“ folgen, die Erfolge von Klopp mindestens egalisiert werden.

Für Titel muss Rose zum FC Bayern

Der FC Bayern bleibt das Maß aller Dinge. Derzeit gibt es nur in Ausnahmefällen ein Vorbeikommen, und selbst dann scheitern die Verfolger. Auf internationaler Ebene haben sich inzwischen zahlreiche Vereine positioniert, die viel größere Ambitionen haben. Natürlich ist ein Titelgewinn in Dortmund wahrscheinlicher als in Gladbach, nur eben auch aufgrund der Bayern-Dominanz nicht wesentlich größer. Max Eberl selbst war es, der im ZDF Sportstudio davon sprach, dass die Dortmunder nur ein bisschen größer seien. Mit dem dazukommenden enormen Druck in Dortmund unter den bereits genannten Voraussetzungen müsste Rose ähnliches wie in Gladbach in einer viel kürzeren Zeit schaffen. Zeit, die er wohl kaum bekommen würde.

Dennoch, wenn Rose sich dazu entscheiden sollte die Borussia zu verlassen, dann wird Eberl ihn ziehen lassen müssen. Der Verein kennt diese Situation Kronjuwelen zu verlieren, wenn auch nicht auf dem Trainerposten. Jeder Abgang konnte bislang irgendwie kompensiert werden, auch der von Favre – auch wenn es seine Zeit gebraucht hat. In Mönchengladbach ist man sich diesem Umstand bewusst, während man sich in Dortmund immer noch an etwas klammert, das so nicht mehr möglich ist, und dadurch anderer Herzen mit Füßen tritt.

5 Kommentare „Echte Liebe“ ist das nicht

  1. Stefan Lange

    Hallo Jonas,
    ich bin leider, so glaube ich zumindest:), zum erstenmal auf dieser Seite. Deinen Kommentar zu Favre und dem BVB kann ich im Prinzip voll unterstützen! Einzig und allein kritisch anzumerken, und was sich Zorc und co. vermutlich auch anders vorgestellt hatten ist, dass sich Favre fussballtaktisch nicht wesentlich weiter entwickelt hat; Plan „B“ ist wie zu Gladbacher Zeit immer noch nicht wirklich vorhanden. Und da sind wir bei unserer momentanen Borussia: auch Marco Rosé tut sich schwer, außer eines Umstellens der Taktikreihen(3er-4er-Kette) effizientes Defensivspiel zu lehren. Aber von den Taktikfähigkeiten des (Noch-) Coaches abgesehen, was mich gerade wirklich zur Weißglut bringt: ich finde ich es absolut unmöglich, dass Gladbach einen Trainer verpflichtet hat der sich in den Vertrag eine Ausstiegsklausel eintragen lässt! Im Leben würde ich mich als Borussia nicht dazu herablassen einen Angestellten zu verpflichten, der unseren Club von vornherein so offensichtlich nur als Durchgangsstation sieht(siehe zB Logan Bailley oder wie der Fliegenfänger hieß). Ich bin ein etwas älterer Sack und durfte noch die tatsächlichen Höhepunkte,sprich Meisterschaften und UEFA-Cup Gewinne miterleben, aber auch deswegen hat Borussia sowas nicht nötig! Ich weiß, heutzutage zählt in diesem Geschäft quasi nur noch dasselbige, umso mehr geht mir das Herz auf wenn ein Tony Jantschke mal wieder nach Wochen von der Bank kommt und den souveränen Feuerwehrmann gibt oder wie Patrick Herrmann zum gefühlt 1000. Mal eingewechselt wird und sich trotzdem immer wieder bedingungslos der Borussia als Herzensverein verschreibt(klar werden die Jungs auch gut bezahlt:))-Der Vorteil für Eberl ist, dass er sich jetzt schon nach einem Nachfolger umschauen kann, hoffentlich jemanden findet, der wirklich weiß was er an Gladbach hat und nicht von „wir“ und „meinen Jungs“ redet, aber nicht willens ist sich klar und deutlich zu seinem Vertrag zu bekennen. Und wenn dieser „neue Trainer“ dann noch eine herzliche Vergangenheit mit der Borussia als Spieler hatte….zB jemand der noch weiß wie man Siegtreffer in Freiburg oder gegen Oli Kahn erzielt…..mir sollte es sehr Recht sein!
    Grüße an alle Fans der einzig wahren Borussia und ein Frohes Fest,
    SL

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    1. Jonas Horvath

      Hallo Stefan,

      ich danke dir für dein ausführliches Feedback. Es ist auch in Ordnung, dass man in der Sache nicht grundsätzlich derselben Meinung ist – das wäre auch langweilig. Ich schätze den Fußball von Marco Rose als sehr komplett ein, denn jeder Trainer gibt eine gewisse Richtung mit. Der eine fokussiert sich aufs Pressing, ein anderer auf Konter, der nächste auf eine stabile Defensive. In der ersten Saison hat das auch sehr gut funktioniert. Über die Ausstiegsklausel lässt sich wirklich streiten. Solange ich nicht weiß wann diese greift, bin ich da auch ehrlich gesagt entspannt. Was wäre denn wenn sie bei einer schlechten Platzierung greift? Aber klar, grundsätzlich bin ich auch kein Freund von solchen Klauseln.

      Bei all den Aussagen, die ich bislang gehört habe (der Text wurde vor dem Spiel in Frankfurt geschrieben), ist mein Eindruck, dass Trainer und Sportdirektor genau wissen woran sie sind. Wenn beide über das Gerücht schmunzeln, dann ist das schon einmal ein guter Indikator dafür, dass Stand jetzt, nichts an den Gerüchten dran ist.

      Es ist aber viel Gerede um etwas, wo wir vieles einfach nicht wissen. Rose will es nicht kommentieren, Eberl lässt sich kaum festnageln. Die 99 Prozent, die er nannte sind in der Welt unseres Sportdirektors schon recht deutlich.

      Wie dem auch sei, wir müssen abwarten. Dir auch ein Frohes Fest.

      Grüße
      Jonas

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      1. Stefan Lange

        Hi Jonas,
        im Prinzip geb ich dir natürlich Recht, grundsätzlich ist Rose ein guter Trainer für unser Team und ich habe mich damals auch sehr über die Verpflichtung gefreut! Ich hoffe auch, dass die „Klauselstory“ letztendlich einer Grundlage entbehrt. Umso schöner ist es doch, dass mit Stindl und Jantschke gerade zwei echte Kultfiguren verlängert haben und der Borussia treu bleiben!!
        LG,SL

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  2. Volker obermann

    Bin jetzt seit ca45 Jahren Borussia Fan und Mitglied und habe schon einiges mit der Borussia erlebt bin der Meinung dass marco Rose total zur Borussia passt fände es total schade wenn er zu Dortmund gingekann mich auch mit dem Spielsystem von Rose total identifizieren die Gegentore die wir bekommen in letzter Zeit hat einfach was mit der Belastung zu tun da die Spieler einfach im Kopf müde sind da fehlt etwas die Konzentration trotzdem bin ich zufrieden mit dem erreichten in dieser Saison

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  3. Herbert Mathiszik

    Hallo Jonas,

    auch nach Rose wird es weitergehen. Woher seine Aura kommt, frag ich mich bis heute. Die Interviews, die Pressekonferenzen- alles ziemlich distanziert sachlich. Ich finde das angemessen, nur in Dortmund wartet man doch auf Kloppsche Sprüche und Pressekonferenzen a la Gottschalk zu besten Zeiten. Das liefert Rose sicherlich nicht. Sportlich läuft es derzeit auch nicht gut. Alle Gründe, die man dafür anführen könnte, gelten in gleicher Weise aber auch für Leverkusen und Bayern und Leipzig. Da läuft es besser. Seit dem 0:2 in Madrid geht es sportlich bergab. Zu oft musste die 2. Reihe dran. Und so sympathisch Jantschke, Wendt, Wolf, Herrmann und Benezs auch sein mögen – sie bringen nur Ligadurchschnitt. Das wird dieses Mal nicht reichen. Nicht gegen Manchester, nicht gegen ein unangenehmes Los im Pokal und auch nicht in der Liga. 4. Platz BL, Achtelfinale Champions League, auch dieses Jahr vielleicht früh raus im Pokal und dann Platz 8 bis 10 in der Liga. Etwas wenig für die Visitenkarte eines M. Rose, oder?

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