Zwei Reden, die so viel aussagen

Bei der gestrigen Pressekonferenz hatte es mehr oder weniger zwei Brandreden gegeben, die nicht nur in das Innenleben von Daniel Farke und Roland Virkus haben blicken lassen, sondern auch wie sich der Verein von außen wahrgenommen fühlt. Nach einem Unentschieden in Wolfsburg und dem frühen Ausscheiden im Pokal schien das aus der Sicht der Verantwortlichen notwendig gewesen zu sein. Bei all dem Lob, vor allem zu den Worten des Trainers, sollte noch der ein oder andere Aspekt beleuchtet werden.

Nach dem Aus in der zweiten Hauptrunde des DFB-Pokal hatte sich offenbar etwas angestaut. Eine harmlose Frage, die zweite überhaupt, wurde zum Anzünder der ersten Brandrede. Roland Virkus wurde danach gefragt, wie gerne Borussia dieselben Erfolge wie eine vermeintlich „kleinere“ Eintracht Frankfurt erleben wollen würde. Jeder Fan hätte an seiner Stelle wahrscheinlich mit einem klaren „Ja“ geantwortet. Der Sportdirektor schien sich nicht nur daran zu stören, dass Borussia mit der Eintracht verglichen, sondern auch wie das 2:2 in Wolfsburg medial eingeordnet wurde. Danach folgte eine abgewandelte Erzählung vom „Gallischen Dorf“. Es verbiete sich Borussia mit Vereinen zu vergleichen, die international spielen, die von Konzernen geführt werden und mehr investieren können. Der aufmerksame Zuhörer wird bemerkt haben, dass sich die Liste gegenüber seinem Vorgänger erweitert hat: um Eintracht Frankfurt und den SC Freiburg. Das würde zumindest die emotionale Reaktion erklären.

Die Mediensicht

Der Verein hat sich für die Übergangssaison klare Ziele gesetzt: „Wir sind angetreten, diesen Club wieder in ruhige Fahrwasser zu bringen. Wir sind angetreten Fans, Club und Mannschaft wiederzuvereinigen.“ Daniel Farke hat es in kürzester Zeit, nach zwei herausfordernden Jahren geschafft Borussia wiederzubeleben. Der Sportdirektor sprach von einem „Prozess“, bei dem Rückschläge einkalkuliert werden müssten. Einem Platz sechs in der Liga stehen ein frühes Pokal-Aus und eine „grottenschlechte“ Leistung in Bremen gegenüber. Dies lässt sich aus zwei der genannten Berichten auch herauslesen: Ein „Prozess“, der als noch nicht abgeschlossen gilt, und unter schwierigen Bedingungen bewerkstelligt werden muss. Die Journalisten sind lediglich ihrer Pflicht nachgegangen die Leistungen einzuordnen. In den vergangenen Spielen hat es durchaus Punkte gegeben, die auch unter Fans diskutiert wurden. Die Reaktionen darauf sagen viel darüber aus wie sich der Verein von außen wahrgenommen fühlt: offensichtlich viel zu hart beurteilt. Auch wenn das Wort „Medienschelte“ abgewiesen wurde, so war es letztlich doch eine Kritik an der (negativen) Berichterstattung.

Die Fansicht

Daniel Farke konnte an diesem Nachmittag eindrucksvoll vorführen wieso er nach seiner Entlassung in Norwich immer noch derart hohe Beliebtheitswerte hat. In diesem Kontext wurde wahrscheinlich noch nie im Deutschen Fußball über Mentalität gesprochen. In mehr als 16 Minuten trug er nicht nur eine Analyse zur bisherigen Saison vor, sondern öffnete gleichzeitig sein ganzes Herz. Dabei lieferte er die ein oder andere „Stammtischparole“, die im Nachgang im Netz wiederverwertet wurde. „Wenn wir das bei einem Verein in England geschafft hätten, wir wären auf Händen getragen worden.“ Fans können sich mit den Worten des Trainers identifizieren, weil er die emotionale und sachliche Komponente gleichzeitig vermitteln kann. Insofern hatte diese überzeugende Rede einen Effekt, nämlich dass Borussia wieder wachgerüttelt wurde. Nach den zahlreichen Reaktionen im Internet schien ein Großteil der Fans längst verstanden zu haben, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist, aber auch viel Geduld in Anspruch nehmen wird. Auf Grundlage der zitierten Medienberichte schienen die Verantwortlichen jedoch Gesprächsbedarf gehabt zu haben.

Learnings

Selbstreflexion gehört zum Fandasein dazu, vor allem die Rede es Trainers hat etwas ausgelöst. Auch wenn dem Großteil seiner Ausführungen zugestimmt werden kann, sollte der kritische Blick, insbesondere der Medien, nicht vergessen werden. Daniel Farke lieferte, ob nun bewusst oder nicht, den „Best Practice“: auf Emotionen sollte zeitnah eine kritisch-sachliche Analyse folgen. Ein Eindreschen auf Trainer und Mannschaft ist selbstredend nicht damit gemeint. Insofern kann der Rede des Trainers zugejubelt, sie als Rede des Jahrzehnts bezeichnet werden. Das Gesagte sollte danach jedoch eingeordnet werden. Analyse, Enttäuschung, Freude, Leid, Kritik – das alles gehört zum Fußball dazu. Kurzum: Daniel Farke hat vieles Richtiges gesagt, aber an Kritik dieser Art, die gestern vorgetragen wurde, wird sich der Verein gewöhnen müssen. Auch wenn der Trainer meint, dass er das Lob nicht verdient hätte – doch, das hat er!

4 Kommentare Zwei Reden, die so viel aussagen

  1. Stefan

    Mir hat die Rede von Daniel Farke an dem Tag der PK sehr gut gefallen.
    Rückblickend betrachtet, und besonders nach dem doch eher enttäuschenden Spiel gegen die Eintracht komme ich aber zu dem Schluß, dass der Trainer jetzt schon eine Menge Pulver verschossen hat.
    Wenn es im Laufe der Saison (oder den kommenden Spielzeiten) mal eng wird und eine Talfahrt kommt dann hat er nicht mehr so viele Argumente.
    Im Zusammenspiel mit der „Brandrede“ von Virkus würde ich sogar sagen, dass dieses Zeichen völlig unnötig war und mich irgendwie sogar an den unbeholfenen Versuch des FC Bayern erinnert hat. Das war damals aber ach sehr peinlich.

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  2. Henning 1965

    Eine zentrale Aussage beider Reden war „seid zufrieden und Fans und Mannschaft haben sich lieb“.Selbstzufriedenheit bringt keinen sportlichen Fortschritt.Ziel muss es sein Platz 4-6 zu erreichen.Das ist bei diesem Kader erreichbar.

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