„Borussia weg“: Provinziell geführt, professionell an die Wand gefahren

Borussia reist als Tabellenachtzehnter zum FC St. Pauli. Was sich wie die aktuelle Realität anhört, war die sportlich prekäre Situation im Februar 2011: Nach der zuvor unfassbaren 2:3-Heimniederlage stand Trainer Michael Frontzeck mit dem Rücken zur Wand. Der Ur-Gladbacher war längst angezählt. Am Millerntor lief nichts zusammen, obwohl Igor de Camargo das Team früh in Führung gebracht hatte. Keine Viertelstunde später wurde ebendieser aufgrund einer Tätlichkeit vom Platz gestellt und die Gastgeber gewannen letztlich mit 3:1 – der vorläufige Tiefpunkt in einer bis zu diesem Zeitpunkt desaströsen Saison. Lediglich vier Spiele wurden gewonnen, 16 Punkte standen auf dem Konto. Dass damals die Relegation und das einmalige Favre-Wunder folgten, grenzt bis heute an Zauberei.

Keine Aussicht auf ein zweites Wunder

Doch das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die derzeitige Situation noch existenzbedrohender ist. In nur vier Jahren hat sich Borussia vom Europapokal-Teilnehmer zum chronischen, zittrigen Abstiegskandidaten zurückentwickelt. In der inzwischen dritten Saison müssen sich die Fans mit dem Szenario der 2. Bundesliga auseinandersetzen. Und was unternimmt der Verein? Er taumelt dem Abgrund entgegen – beinahe schulterzuckend, ohne jede Konsequenz. Ein Präsidium, das schützend die Hände über sportliche Bankrotterklärungen hält. Rainer Bonhof lobte sogar den gerade erst entlassenen Gerardo Seoane für seinen „guten Job“ – wohlgemerkt nach einer historischen Sieglos-Serie. Schlimmer noch: Wer den Karren maßgeblich an die Wand gefahren hat, darf am Niederrhein offenbar klammheimlich durch die Hintertür zurückkehren, als sei nichts geschehen.

„Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen.“ – Der Verein ist inzwischen genau wieder dort angekommen, wo er vor der Amtszeit von Max Eberl war. Spätestens nach dessen Rücktritt wirkte Borussia merkbar orientierungs- und kopflos. Nach einer erfolglosen externen Suche wurde der bis dahin völlig unerfahrene Roland Virkus als Eberls Nachfolger präsentiert. Damalige Beobachter waren schockiert und haben gewarnt. Dennoch erhielt er das Vertrauen, denn den Fans blieb auch nichts anderes übrig. Unterm Strich fiel er dennoch mit stark irritierenden öffentlichen Äußerungen, sowie einem nicht existenten strategischen Plan auf. Im Nachhinein wirkte der Eberl-Nachfolger schlichtweg überfordert. Seine Trainerentscheidungen und getätigten Transfers passten selten zusammen. Hinzu kommen kostspielige Vertragsverlängerungen, die den Verein bis heute belasten. Die vier Millionen Euro lassen grüßen! Auch wenn sicher nicht alles schlecht gelaufen ist, so sind die negativen Auswirkungen heute zu spüren: Konsolidierung, Sparkurs, Etatkürzung.

Chefetage versteckt sich hinter dem Krisenmanager

Warum spricht niemand im Verein Klartext über diesen schleichenden Verfall? Noch vor eineinhalb Jahren stand die Chefetage hinter dem nicht vielsagenden „Borussia-Weg“ und stattete Virkus mit einem „Rentenvertrag“ aus. Ohne ihn zitterte sich der Verein mit Ach und Krach über den Strich. Jetzt sieht die Lage nochmal weitaus dramatischer aus. Konsequenzen aus dem Präsidium? Fehlanzeige. Stattdessen wird Rouven Schröder vorgeschoben. Man kann und muss ihn kritisieren, ja. Die Kaderzusammenstellung wirft durchaus Fragen auf. Aber an dieser gesamten Misere trägt er die geringste Schuld. Er ist derjenige, der jetzt den Kopf hinhalten und den Krisenmanager geben muss, während sich die eigentlichen Verantwortlichen wegducken und sich lediglich sporadisch im Standpunkt melden. Es ist nachvollziehbar, dass derzeit kein Gedanke daran verschwendet wird den aktuellen Head of Sports zu entlassen. Denn wer sollte sonst die schwierige Lage moderieren und vor allem kompetente Entscheidungen treffen?

Es ist ehrlicherweise erschreckend zu beobachten, dass sich Borussia Mönchengladbach offensichtlich eine Dekade lang nur so stark entwickeln konnte, weil Max Eberl als einzelne Person das notwendige Know-How mitgebracht hat. Diese Erkenntnis ist bitter und zeigt schonungslos, wie sehr es darüber hinaus an echter Professionalität fehlt. Denn wenn sich Probleme über die Jahre strukturell verfestigen, dann liegt die Hauptursache dafür auf den höheren Ebenen: der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf. Dann müssen sich die handelnden Personen auch mal zum Wohle des Vereins entscheiden, anstatt sich an einen Posten zu klammern, dem man nicht (mehr) gerecht werden kann. Ohne Frage, es wird Menschen in diesem Verein geben, die ihr Herz bei Borussia gelassen haben. Aber damit lässt sich kein sportlicher Erfolg erreichen und schon gar nicht professionell arbeiten, wenn das der entscheidende Faktor ist. Es gibt Interna, die nie an die Öffentlichkeit getreten sind, wo man immer fair geblieben ist, aber wo man als Fan wirklich fassungslos ist, dass das bei einem Bundesligaverein möglich ist. Wenn eine handelnde Person zugibt, dass sie mit der Situation überfordert war, aber niemand im Verein so recht eingreifen wollte, dann muss man allen Beteiligten fehlendes Verantwortungsbewusstsein attestieren.

Nostalgie bringt keine Erfolge

Über 125 Jahre Vereinsgeschichte, fünf Meisterschaften, unzählige unvergessliche Europapokalnächte – dieser Verein ist zu groß, um ihn in provinzieller Harmoniesucht vor die Wand fahren zu lassen! Ein Abstieg wirkt realistischer denn je. Das Bitterste daran: Dieser Kollaps kam mit Ansage. Wer 2011 mitgelitten hat, weiß: Lucien Favre war ein Jahrhundert-Glücksfall. Niemand wird kommen, um Borussia ein zweites Mal auf diese Weise zu retten. Wenn Mannschaft und Trainer sichtlich an ihre Grenzen stoßen, müssen endlich diejenigen den Weg freimachen, die Borussia über Jahre in den Abgrund geführt haben. Es braucht einen radikalen Neuanfang an der Spitze.

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